Berührung nach der Kindheit
Wir sind uns der Bedeutung von Berührung für Säuglinge und Kleinkinder durchaus bewusst, doch herrscht der weitverbreitete Irrglaube, dass dieses Bedürfnis mit dem Erwachsenenalter abnimmt. Tatsächlich verschwindet das in der Kindheit festgestellte menschliche Bedürfnis nach Hautkontakt nicht mit dem Alter; es verändert sich lediglich. Berührung bleibt während unserer gesamten Kindheit, im Erwachsenenalter und bis ins hohe Alter ein lebenswichtiges biologisches Bedürfnis und dient als wirkungsvolles Mittel zur emotionalen Regulation und für die körperliche Gesundheit.
Die Epidemie der Einsamkeit und sensorische Deprivation
In einer zunehmend digitalisierten Welt steht die Gesellschaft vor dem, was Forscher als „Berührungsdefizit“ bezeichnen. Mit dem Übergang vom Kindesalter ins Erwachsenenalter werden die häufigen Umarmungen und die ständige körperliche Nähe der Bezugspersonen oft durch Händeschütteln oder, in jüngerer Zeit, durch digitale Interaktionen ersetzt. Die Struktur des Gehirns ist jedoch weiterhin auf taktile Reize ausgelegt.
Fehlt uns körperlicher Kontakt, kann unser Körper in einen Zustand chronischen Stresses geraten. Berührung ist der wichtigste „Ausschalter“ für die Stressreaktion des Körpers. Ohne sie bleibt der Cortisolspiegel erhöht, was zu Schlafstörungen, einem geschwächten Immunsystem und verstärkten Gefühlen der Isolation führen kann. Für Erwachsene ist Berührung nicht nur Ausdruck von Zuneigung; sie ist ein grundlegendes biologisches Signal, das uns Sicherheit und Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft signalisiert.
Die Neurobiologie der Verbindung im Erwachsenenalter
Die biologischen Mechanismen, die den Tastsinn in der Kindheit steuern, bleiben unser ganzes Leben lang aktiv. Bei Hautkontakt oder auch nur einem festen High-Five schüttet das Gehirn weiterhin Oxytocin aus. Bei Erwachsenen spielt dieses Hormon eine entscheidende Rolle für den Erhalt langfristiger Beziehungen und die Förderung des sozialen Zusammenhalts.
Berührung stimuliert zudem den Vagusnerv, einen wichtigen Bestandteil des parasympathischen Nervensystems. Diese Stimulation verlangsamt den Herzschlag und senkt den Blutdruck. Ob eine therapeutische Massage, eine liebevolle Umarmung des Partners oder die beruhigende Anwesenheit eines Haustiers – diese taktilen Erfahrungen wirken wie ein natürliches Beruhigungsmittel für einen unruhigen Geist.
Das Gleichgewicht wiederherstellen: Berührung im modernen Zeitalter
Im Laufe unseres Erwachsenwerdens müssen wir bewusst darauf achten, gesunde Berührungen in unser Leben zu integrieren. Dies kann in einer professionellen oder sozial distanzierten Welt eine Herausforderung sein, aber es gibt verschiedene Möglichkeiten, diese Distanz zu überbrücken:
- Platonische Zuneigung: Die Normalisierung von Umarmungen unter Freunden und Familienmitgliedern zur Stärkung sozialer Bindungen.
- Professionelle Körperarbeit: Anwendung von Massagetherapie oder Physiotherapie, um dem Nervensystem die notwendigen taktilen Reize zuzuführen.
- Tierische Begleitung: Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass die Interaktion mit Haustieren den Stresspegel senkt und ein deutliches Gefühl von taktiler Geborgenheit vermittelt.
- Selbstpflegerituale: Schon selbst angewendete Berührungen, wie die Verwendung einer beschwerten Decke oder eine achtsame Hautpflege-Routine, können ein Gefühl von Erdung und Geborgenheit vermitteln.
Abschluss
Berührung wird nach der Kindheit oft vernachlässigt, ist aber nach wie vor der direkteste Weg, Empathie auszudrücken und das physiologische Gleichgewicht zu erhalten. Indem wir erkennen, dass unser Bedürfnis nach Verbundenheit ein lebenslanges Bedürfnis ist, können wir eine mitfühlendere und körperlich gesündere Gesellschaft entwickeln. Wir verlieren nie das Bedürfnis, uns mit der Welt um uns herum verbunden zu fühlen.





