Auswirkungen von Berührungsentzug
Berührung ist unsere allererste Sprache, die primäre Art der Kommunikation, noch bevor wir denken können. Lange bevor wir Sätze bilden können, verstehen wir die Welt durch die Wärme der Haut, den Druck einer tröstenden Hand und die Geborgenheit einer Umarmung. Doch was geschieht, wenn diese Sprache nie zu dir gesprochen wird?
Für Nadine van Schoondrager, die Gründerin der Plattform „Power of Touch“, ist dies keine theoretische oder akademische Frage. Es ist die rohe, schmerzhafte Realität ihres gesamten Lebens. Wenn das grundlegendste menschliche Bedürfnis – körperliche Nähe und Zuneigung – von Geburt an fehlt, führt dies zu einem tiefgreifenden und verheerenden Effekt des Berührungsentzugs.
Die Wurzeln eines lebenslangen Mangels
Nadines Geschichte beginnt genau in dem Moment, in dem das Leben am sichersten sein sollte: bei ihrer Geburt. Von ihren ersten Lebenstagen an kannte sie weder Wärme noch Geborgenheit oder liebevolle Berührung. In der Psychologie wissen wir, dass dieser Mangel an frühkindlicher Bindung das menschliche Nervensystem grundlegend verändert. Der Körper lernt auf zellulärer Ebene, dass die Welt ein kalter, feindseliger Ort ist, an dem niemand Hilfe bietet. Dieses frühe Fehlen körperlicher Nähe führt dazu, dass sich das Gehirn in einem Zustand ständiger Alarmbereitschaft entwickelt, in dem die Stressreaktion nie zur Ruhe kommt.
Für Nadine bedeutete dies, dass sie bereits mit neun Jahren ein tiefes Gefühl der Andersartigkeit verspürte – eine Erkenntnis, die sie aufgrund des völligen Mangels an emotionaler und körperlicher Sicherheit in ihrem Umfeld nie aussprechen konnte. Ohne die körperliche Bestätigung eines Elternteils, die ihren Wert widerspiegelte, wuchs sie in einem emotionalen Vakuum auf.
Hier beginnt die chronische Folge von Berührungsentzug; sie dringt tief in die Seele des Kindes ein und prägt jeden einzelnen Aspekt seines Erwachsenenlebens. Wenn ein Kind in Zeiten der Trauer nicht gehalten wird, lernt es, dass seine Gefühle ungültig sind, was den Weg für ein Leben in innerer Isolation ebnet.
Die Biologie der Nähe: Die Seele nähren oder verhungern lassen
Der Unterschied zwischen Menschen, die mit gesunder körperlicher Zuneigung aufwachsen, und solchen, die unter Berührungsmangel leiden, ist biologisch messbar und immens. Menschen mit einer stabilen körperlichen Basis besitzen ein Nervensystem, das sich nach einer Stressphase entspannen kann. Ihr Vagusnerv regt die Produktion von Oxytocin an, was ein Gefühl von Ruhe und Erholung vermittelt.
Im Fall von Nadine fehlte dieser innere Regulator vollständig. Ohne dieses hormonelle Gleichgewicht wird das Leben zu einem unerbittlichen Überlebenskampf statt zu einem erfüllten Leben. Wenn dieses Gleichgewicht fehlt, bleibt der Cortisolspiegel chronisch erhöht, was zu völliger Erschöpfung und dem Ausbruch schwerer klinischer Depressionen führt.
Nadine spürte diese Last bereits mit Anfang zwanzig. Die langfristigen Folgen von Berührungsentzug sind vergleichbar mit körperlichem Hungern; die Seele wird zutiefst vernachlässigt. Während andere Trost in einer einfachen Umarmung finden, fühlt sich jemand mit dieser Erfahrung oft noch leerer, je mehr Isolation er erlebt. Es ist eine innere Leere, die sich nicht mit Worten füllen lässt; es bedarf der körperlichen Anwesenheit eines anderen, um den inneren Sturm zu besänftigen.
Das Paradoxon der Sehnsucht und die Flucht der Panik
Eine der tragischsten Folgen frühkindlicher Vernachlässigung ist die extreme Schwierigkeit, später im Leben gesunde, enge Beziehungen aufzubauen. Nadine beschreibt einen herzzerreißenden inneren Konflikt: ein intensives, tiefsitzendes Verlangen nach körperlicher Nähe, das sich im selben Moment, in dem es Realität wird, in eine erdrückende Panik verwandelt.
Dies wurde nach ihrer Scheidung im Jahr 2023 schmerzlich deutlich, als unerwartet eine Frau in ihr Leben trat. Zum ersten Mal entstand eine Verbindung, die über Worte hinausging; ein einziger Blick genügte, um alles zu verstehen.
Doch das jahrzehntelange Fehlen einer sicheren Basis führte dazu, dass sich diese plötzliche Nähe für sie wie eine Bedrohung ihres Überlebens anfühlte. Nach einem Tag intensiver Verbundenheit überkam sie Panik, sobald sie ihre eigene Schwelle überschritten hatte.
Die Angst vor solch tiefer Intimität war so überwältigend, dass sie im Februar 2024 zu einem Selbstmordversuch auf der Autobahn führte. Dies ist die ultimative Folge von Berührungsentzug: Die Sehnsucht nach dem „Anderen“ ist so groß, dass die Realität, gesehen zu werden, sich wie eine Vernichtung des Selbst anfühlt, was zu einer verzweifelten Flucht in den Tod als einzigem wahrgenommenen Ausweg führt.
Der Übergang: Von der Maske zur völligen Unsichtbarkeit
Mit 50 Jahren traf Nadine eine mutige und lebensverändernde Entscheidung: Sie outete sich als Transfrau. Nach fünfzig Jahren, in denen sie die Rolle eines Mannes gespielt hatte, der nie wirklich existiert hatte – eine Rolle, die sie als unerträgliche Last beschreibt –, entschied sie sich endlich, ihre Wahrheit zu leben.
Doch wo sie auf Befreiung und einen Neuanfang gehofft hatte, fand sie nur eine neue, aggressivere Form der Ausgrenzung vor. Der Übergang kostete sie alles, was sie sich aufgebaut hatte: ihre 23-jährige Beziehung und die verbliebenen Verbindungen zu ihrer Gemeinschaft.
Rückblickend betrachtet Nadine diese Entscheidung mit großem Schmerz. Obwohl ihr Leben als Mann eine Lüge war, bot es ihr einen Schutzschild gegen die starren Normen der Gesellschaft. Als Transfrau ist sie nun selbst zum „Etikett“ geworden, was es ihr nahezu unmöglich macht, professionelle Unterstützung zu finden.
Die Folgen des Berührungsentzugs werden nun durch eine soziale Ausgrenzung verstärkt, deren Mauern noch kälter sind als die Einsamkeit ihrer Jugend. Als die Ärzteschaft, einschließlich ihres Hausarztes, erklärt, dass sie nichts mehr für sie tun kann, wird die Isolation zu einer undurchdringlichen Festung, aus der es scheinbar kein Entrinnen gibt.
Der Rettungsanker: Liebe als letzte Motivation
Trotz der erdrückenden Last ihrer gegenwärtigen Isolation und der gescheiterten Selbstmordversuche gibt es einen Grund, warum Nadine heute noch steht: die Liebe jener einen Frau, die sie wirklich sah.
Obwohl zwischen ihnen jeglicher Kontakt abgebrochen ist, bleibt diese kurze Zeit des gegenseitigen Verständnisses der einzige Grund, warum sie nicht aufgegeben hat. Es war ein flüchtiger Blick auf das, was das Leben sein könnte – ein Moment des Überflusses inmitten von Vernachlässigung.
Der Einfluss dieser Frau ist der einzige Antrieb, der ihr noch geblieben ist. Er beweist, dass selbst ein wenig echte Verbundenheit ein starkes Gegenmittel gegen die Folgen von Berührungsentzug sein kann.
Nadine ist jedoch auch Realistin; sie weiß, dass sie am Ende ihrer Kräfte ist. Ihr ist bewusst, dass sie in fast sechzig Lebensjahren nur drei Monate lang wirklich sie selbst und wirklich glücklich war. Dieses kurze Zeitfenster des Glücks ist wie ein Tropfen Wasser auf einer glühend heißen Herdplatte, und während die Tage in völliger Stille verstreichen, schwindet die Hoffnung auf ein Wunder, das das Blatt wendet, mit jedem Tag ein wenig mehr.
Die erdrückende Isolation in Seniorenwohnheimen
Seit November 2023 lebt Nadine in einer Seniorenwohnanlage, wo sie sich Frieden und ein Gefühl der Zugehörigkeit erhofft hatte. Stattdessen geriet sie in einen Albtraum aus Diskriminierung und offener Feindseligkeit.
Aufgrund ihrer Identität wurde sie von ihren Nachbarn als unerwünscht erklärt. Vandalismus und offene Ablehnung haben sie in einen Zustand völligen Rückzugs getrieben. Seit August letzten Jahres hat sie jeglichen Kontakt zur Außenwelt abgebrochen und lebt in einer selbstgewählten Isolation, um sich vor weiterem Leid zu schützen.
Diese Art von Isolation ist für einen Menschen auf Dauer kaum zu ertragen. Der Unterschied zwischen Nadine und Menschen mit sozialen Kontakten besteht darin, dass diese in ihrer Umgebung ein Spiegelbild finden; Nadine hingegen hat nur die Stille ihrer Mauern.
In dieser Stille wird der Effekt des Berührungsentzugs deutlicher denn je spürbar. Das Fehlen eines freundlichen Wortes oder einer einfachen Anerkennung ihrer Existenz lässt sie jeden Tag ein Stück von sich selbst verlieren. Ohne die „soziale Pflege“, die Menschen für ihre psychische Gesundheit benötigen, beginnt sich der Geist gegen sich selbst zu wenden.
Das Versagen des Gesundheitssystems
Nadines ganzes Leben war geprägt von der verzweifelten Suche nach professioneller Hilfe, doch immer wieder stieß sie auf eine Mauer des Unverständnisses. Das Stigma, das ihre Transition umgibt, gepaart mit ihrer komplexen Vorgeschichte körperlicher Vernachlässigung, lässt sie für viele Ärzte und Therapeuten „unheilbar“ erscheinen. Wenn ein Hausarzt resigniert und seine Hoffnung aufgibt, weiß Nadine nicht mehr weiter.
Dieses systemische Versagen verstärkt das Gefühl, dass sie in dieser Welt einfach nicht hingehört. Die Folgen des Berührungsentzugs sind hier nicht nur ein Mangel an körperlicher Berührung, sondern ein völliger Mangel an menschlicher Anerkennung und institutioneller Fürsorge. Ohne Unterstützung und mit allen Türen – im wahrsten Sinne des Wortes – verschlossen, ist die Grenze der menschlichen Belastbarkeit erreicht. Die Verweigerung von Hilfe ist die schlimmste Form der Vernachlässigung; es ist die Weigerung, jemandem die Hand zu reichen, der offensichtlich in einem Meer der Isolation ertrinkt.
Abschluss
Nadine van Schoondragers Geschichte ist ein eindringlicher Hilferuf nach Aufmerksamkeit für die Unsichtbaren in unserer Gesellschaft. Ihre Suizidversuche sind keine Zeichen von Schwäche, sondern die logische Konsequenz eines unerträglichen Schmerzes, verursacht durch eine Welt, die sich weigert, sie zu berühren oder von ihr berührt zu werden. Ein Mensch kann nicht ewig von einem einzigen Tropfen Glück in einem Meer aus Trauer leben.
Wir müssen als Gesellschaft in den Spiegel schauen. Die eindringliche Wirkung von Berührungsentzug zeigt, dass Berührung, Anerkennung und bedingungslose Akzeptanz die einzigen wahren Heilmittel gegen die Dunkelheit sind, in der Nadine lebt.
Ihre Plattform „Power of Touch“ sollte diese Lücke für andere füllen, doch ihr selbst wurde nie die Wärme zuteil, die sie so sehr geben wollte. Ihre Geschichte soll ein Mahnmal für die Notwendigkeit menschlicher Verbundenheit sein; eine Erinnerung daran, dass wir ohne die Anwesenheit anderer einfach aufhören zu existieren.





